vista dal giardino
© Cez Calderan Zanovello Architetti . Published on October 07, 2010.
Die Altstadt Brixen ist nicht die Summe von einzelnen Häusern, sondern ein geschlossenes Gesamtbild. Die Stadt ist ein kompakter Baukörper, dessen Strassen und Plätze wie die Räume eines Gebäudes wirken: Wer durch Brixen bummelt, fühlt sich wie in einem Innenraum. Nur Dom, Pfarrkirche und Hofburg treten als eigenständige Akteure auf der Stadtbühne auf, alle anderen Gebäude passen sich der Form und der Gesetze der Stadt an. Deswegen ist es durchaus der Natur Brixen angemessen, dass sich ihre neue Bibliothek nicht mit einem einzelnen Gebäude identifizieren lässt, sondern aus der Zusammensetzung drei unterschiedlicher Baukörper und drei unterschiedlicher Freiräume entstehen wird.
dal vicolo bruno
© Cez Calderan Zanovello Architetti . Published on October 07, 2010.
Der Neubau
la sala lettura verso lo scavo archeologico
© Cez Calderan Zanovello Architetti . Published on October 07, 2010.
Der Neubau hält ca. 10 m Abstand von der südlichen Fassade des Gerichtsgebäudes, städtebaulich setzt dessen Baukörper nach Süden fort und dank seiner abfallenden Gebäudehöhe vermittelt er zwischen der imponierenden Masse des Dombezirkes und dem kleinmassstäblichen, fast vorstädtischen Charakter der Bruno Gasse. Nach Westen hin schmiegt sich der Neubau an das alte Finanzgebäude, dessen Dachneigung er übernimmt und fortsetzt. Der neue Bibliothek-Pavillon scheint das Nachbarhaus fast zu berühren, eine schmale, ein Meter breite Spalte bleibt jedoch zur Ablesbarkeit der neuen Intervention offen. Zwei durchsichtige, verglaste Brücken verbinden den Neubau mit beiden Altbauten und schliessen einen kleinen Innenhof um, der die Proportionen der Lichthöfe der alten Brixner Bürgerhäuser übernimmt und einen zentralen Leerraum bildet, um den sich das Leben der neuen Bibliothek abspielen wird. Der Neubau erscheint aus der Entfernung wie ein durch eine homogene Fläche geschlossener Baukörper, bei näherer Betrachtung wandeln sich die Wände der Ost- und Westfassade in ein plastisches Gewand, das die Körperhaftigkeit des Volumens bewahrt und gleichzeitig das Sonnenlicht ins Innere durchfiltern lässt. Die Raum hohe Verglasung beider Fronten wird von einem “Gewebe” aus Terrakotta Säulen geschirmt, aus derselben Farbe der verputzen Oberflächen des Neubaus. Die einzelnen Keramik Säulen bestehen aus drei übereinander montierten viereckigen Stäben mit jeweils einer schräg abgeschnittenen Kante. Die schiefen Schnittflächen, je nach Sonnenlage, fangen und lenken die einfallenden Lichtstrahlen nach Innen oder werden verschattet und lassen die Oberfläche der Fassade von außen aus gesehen unter der Sonne vibrieren.
Ausgrabungen
Die geplanten, archäologischen Untersuchungen des Baufeldes werden als ein architektonisches Thema betrachtet und in der Gestaltung des Bibliothek Quartiers eingebunden. Die ca. zwei Meter tiefen Ausgrabungen werden nach den Untersuchungen der Funde offen gehalten, alte Mauerstrukturen werden wahrscheinlich zu Tage gebracht und somit von der historischen Schichtung der Bauphasen der Stadt zeugen. Eine archäologische Dimension der Stadt, die heute, trotz der vielen Ausgrabungen, kaum wahrnehmbar ist, wird offen gelegt.
Außenraumgestaltung
Der Graben um den Neubau wandelt die Bibliothek in einer Insel und teilt die Außenanlage in Bereiche, die durch die unterschiedlichen Koten klar definiert sind. Die tiefe Ebene der Ausgrabungen, unterhalb des aufgeständerten Gebäudes, ist ein schattiger Raum, der durch Holzstege begehbar ist. Eine Treppe führt vom Erdgeschoss der Bibliothek in einen kreisförmigen Lesesaal, der sich zur Ausgrabungen hin öffnet. Von dem Eingangsbereich der Bibliothek gelangt man über eine Brücke auf den ein Meter tiefer gelegenen Bibliotheksgarten, der bis zur Grenzmauer des Kassianeums reicht. Der alte Baumbestand wird teilweise erhalten und neue Bäume werden um eine leicht versenkte Lichtung, die von einer breiten Liegebank aus Holz gesäumt wird, gepflanzt. Auf der anderen Seite, auf der gleichen Höhe des neuen Bibliothekpavillons wird der Garten des alten Finanzgebäudes in einem gepflasterten Lesehof umgestalten mit direkter Anbindung an der interne Cafeteria und der Bruno Gasse.
Verteilung der Nutzungsbereiche
Der Eingang in das neue Bibliothek-Quartier erfolgt direkt vom Domplatz aus, über die bestehende Tür der alten Bischofsresidenz, die sich neben dem Finanzgebäude befindet. Die Leibungen der bogenförmigen Maueröffnung werden nach außen abgeschrägt, um ihre neue Funktion zu betonen. Sie werden jedoch nur weiss verputzt, sodass der neue Bibliothekseingang, gegenüber dem mit einem Granit Bogen umfassten Haupttores, eine untergeordnete Rolle in der Komposition der Palastfassade annehmen wird. Der gewölbte Eckraum im Erdgeschoss des Gerichtsgebäudes dient als Informationspunkt der Bibliothek, hier befindet sich auch die Einwurfklappe der automatisierten Rückgabeanlage. In der fast drei Meter breiten Südwand des Gerichtsgebäudes wird eine neue gewölbte Galerie geöffnet, die direkt in den neuen Innenhof führt. Über einen Holzsteg gelangt man in den Neubau, wo sich der Eingangsbereich der Bibliothek befindet. Ein Großteil des Erdgeschosses des neuen Pavillons ist dem Zeitschriftenraum gewidmet und verfügt über einen direkten Anschluss zu dem Lesegarten. Im Erdgeschoss des alten Finanzgebäudes werden die Computerplätze des Internet Cafes untergebracht. Die Cafeteria befindet sich gleich nach der verglasten Passage, die Neubau und Finanzgebäude miteinander verbindet, und deren Besucher können den Lesehof im Süden benutzen. Im ersten Obergeschoss des Neubaus ist die Belletristik untergebracht, im Finanzgebäude der Jugendbereich, in den Sälen des ehemaligen Bischofspalastes finden Kinderbereich, Ludothek, Musik und Filmbereich Platz. Im östlichen Teil des Gerichtgebäudes ist die Bibliotheksverwaltung in unmittelbarer Nähe des Eingangsbereiches der Bibliothek organisiert. Die Sachmedien übernehmen das gesamte 2. Obergeschoss des Neubaus, die Räume des Finanzgebäudes im gleichen Geschoss bieten ruhige Lese- und Arbeitsplätze. Im Dachgeschoss des Finanzgebäudes befindet sich der Veranstaltungsraum. Die innere Erschliessung aller Geschosse erfolgt über eine großzügige Wendeltreppe im Neubau, die bereits existierende Treppenanlage des Finanzgebäudes bleibt bestehen, um eine nützliche Nebenverbindung aller Lesesäle zu garantieren. Die Fluchttreppe des Gerichtsgebäudes wird in dem Bibliothekpavillon integriert, somit wird die südliche Fassade des ehemaligen Bischofpalasts lediglich von einer schmalen Brückenkonstruktion berührt.
Tragsystem
Der Bibliothekspavillon stützt auf einzelnen Pfeilern zur Vermeidung einer invasiven Gründung des Gebäudes auf Grund der historischen Ausgrabungen. Die Stützen tragen die Betondecke des Erdgeschosses, auf dem die zwei massiven Nord- und Südwände des Neubaues lagern. Zwischen beiden Wänden werden vorgespannte Betondecken gezogen, sodass die drei Geschosse der Bibliothek stützenfrei bleiben und eine flexible Innenteilung möglich ist.